"Es schlug ein wie eine Bombe"

Das Corona-Virus machte auch vor den Barmherzigen Brüdern Gremsdorf nicht Halt. „Wie ein Lauffeuer“ verbreitete sich der Erreger in einer der Wohngruppen, berichtet Florian Egermaier, Teamleiter des Teams 1 im Bereich Wohnen. Annähernd vier Wochen beherrschte Corona über den Jahreswechsel den Alltag der Wohngruppe Sebastian. Auch weitere Personen in der Einrichtung waren betroffen.

In der Wohngruppe Sebastian begann alles kurz vor Weihnachten, als ein Bewohner mittels des sogenannten Point-of-Care-Schnelltests positiv auf Corona getestet wurde. In den darauffolgenden Tagen ergaben weitere Tests hinzukommende Fälle in eben jener Wohngruppe. „Wir hatten anfangs den Eindruck, dass die Infektionskette völlig außer Kontrolle geraten ist“, fährt Egermaier fort. Irgendwann war klar, dass alle Bewohner der Wohngruppe betroffen sind und auch mehrere der dortigen Mitarbeitenden.

Sofort, noch am Tag des ersten positiven Tests, wurden entsprechende Maßnahmen generiert. Die Isolierbereiche, die es bereits im Frühjahr 2020 gegeben hatte, wurden schleunigst wieder in Betrieb genommen, und die betroffenen Bewohner mussten dorthin umziehen. Nicht nur die Wohngruppe Sebastian hatte es erwischt, auch in zwei weiteren Wohngruppen gab es vereinzelte Fälle, was für die Bewohner bedeutete, schnellstens ihre Wohngruppe zu verlassen, um ihre Mitbewohner vor einer Ansteckung zu schützen.

Ein ungeheurer Kraftakt für alle Beteiligten. Nicht zuletzt vor Ort in den Isolierbereichen galt es, von jetzt auf gleich neue Strukturen zu bilden und vor allem Personal bereitzuhalten. „Das Schlimmste war die enorme Unsicherheit“, sagt Egermaier, der sich auch bereiterklärt hatte, Dienste zu übernehmen. „Wenn man weiß, dass man stundenlang in hochinfektiösem Milieu arbeitet, dann ist Unsicherheit dein ständiger Begleiter. Schließlich will man nichts mit nach Hause schleppen.“ Was ihm und seinen Kollegen allerdings half, waren „die konkrete Auseinandersetzung mit dem Thema und der gegenseitige Austausch“. Und Egermaier erklärt: „Wir haben auf die Schutzkonzepte vertraut und dadurch letztlich Sicherheit gewonnen“. Bestätigt hat sich dieses Vertrauen auch als klar wurde, dass die Infektionskette nicht, wie befürchtet, völlig außer Kontrolle geraten war, sondern auf die Kohorte begrenzt war. Die Hygienekonzepte zeigten also Wirkung. Auch bei vereinzelten Infektionen unter Mitarbeitenden anderer Bereiche in der Einrichtung war dies der Fall. Hier wurde zum Beispiel Carina Schreiner, Mitarbeiterin der Verwaltung, bewusst, „dass die Teststation absolut sinnvoll und wichtig ist“. Sie hatte sich bereits Anfang Dezember mit dem Virus infiziert und konnte noch vor Einsetzen erster Symptome durch einen Schnelltest als Trägerin des Erregers identifiziert werden und sich zusammen mit ihrer Familie in Quarantäne begeben.

Die Symptome der Betroffenen breiteten sich unterschiedlich stark und schnell aus. Viele litten unter den bekannten Krankheitsanzeichen des Sars-Cov-2-Virus: Erkältungserscheinungen, Husten, Fieber, Kopfschmerzen und Geschmacksverlust. Glücklicherweise kam es bei keinem der Bewohner zu wirklich schweren Krankheitsverläufen. Bei den Mitarbeitenden sah dies zum Teil jedoch anders aus. Einige klagten über Schmerzen im ganzen Körper, Hautausschläge und heftige Müdigkeit. Manche berichten noch viele Wochen nach der Infektion über erhebliche Atembeschwerden und Erschöpfungszustände, die sie vorher nicht gekannt hatten. Ein Mitarbeiter war sogar längere Zeit im Krankenhaus. „Das ist wirklich nicht zu unterschätzen. Ich kann nur jedem raten, sich gut zu schützen und die Kontakte auf ein Minimum zu reduzieren. Es kann auch junge Menschen schwer treffen“, warnt Carina Schreiner.

In der besonders betroffenen Wohngruppe Sebastian leben Menschen mit intensivem Betreuungsbedarf und teilweise mit Autismus. Für diesen Personenkreis sind plötzliche Veränderungen des Alltagsgeschehens sowie vollvermummtes Personal schwer einzuordnen. „Es war eine sehr schwierige Zeit für alle“, berichtet Mitarbeiterin Sara Faria Gebhart, die gemeinsam mit ihrer Kollegin Nicole Moninger während der Feiertage die Stellung hielt. Für uns war sofort klar: „Wir sind da, wir machen das! Dann werden Weihnachten und Silvester zu Hause eben gecancelt“. Und mit dieser äußerst solidarischen Haltung standen sie nicht alleine da, sondern erhielten Unterstützung von vielen bereichsfremden Kollegen, die bereitwillig mit einsprangen. „Das hat uns so sehr geholfen. Der Zusammenhalt untereinander dadurch enorm gewachsen.“, so Gebhart weiter. „Und trotz der Umstände haben die Klienten diese schwierige Zeit wunderbar bewältigt.“

Eine Corona-Infektion mit all ihren möglichen Konsequenzen beschreiben viele der Betroffenen als Grenzerfahrung. „Was es für einen selbst und das nächste Umfeld bedeutet, wird einem wirklich erst bewusst, wenn man schon mittendrin steckt. Und das geht rasend schnell. Man kann dann nur auf einen milden Verlauf hoffen. Daher ist Vorsicht besser als Nachsicht“, mahnt Carina Schreiner. Sie und viele ihrer Kollegen hoffen nun auf die baldige Impfung und damit die Aussicht auf einen Schritt in Richtung Normalität.

 

(Anna Krug)

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