Es kommt zu einem Systemwechsel

Am 18. Oktober fand in diesem Jahr der traditionelle Angehörigen- und Betreuernachmittag statt. Zwei große Themen standen auf der Tagesordnung: zum einen die Vorstellung des jüngst gewählten Beirates gesetzlicher Vertreter sowie ein Vortrag bezüglich der Umsetzung des Bundesteilhabegesetzes.

Die stellvertretende Vorsitzende des Beirates gesetzlicher Vertreter, Birgit John, stellte den rund 100 Gästen das neue Gremium vor. Zusammen mit den sonstigen Interessensvertretern wie Bewohnervertretung, Werkstattrat und Frauenbeauftragte unterstützt dieses die Leitung des Hauses. Gemeinsam wollen sie die verschiedensten Angelegenheiten und Probleme der Bewohner und Beschäftigten noch optimaler regeln und lösen helfen, wollen zum Wohle der Klienten beitragen.

Sie setzen sich für ein gutes Miteinander, mehr Teilhabechancen und gelebte Inklusion ein. Die einzelnen Beiräte stellten dabei ihre eigenen Standpunkte und Wünsche vor.

So hieß es zum Beispiel, dass die Bewohner noch mehr die Möglichkeit haben sollten, „nach außen zu gehen“. Ein anderer Beirat wünschte sich „noch bessere Kontaktmöglichkeiten zur Verwaltung“. Der Austausch zwischen Eltern, Betreuern und Einrichtung stand auf der Wunschliste weiterer Räte. „Denn zusammen können wir sehr viel Gutes bewirken.“ Es müsse uns, so die einhellige Meinung, noch mehr gelingen, „ein selbstbestimmtes Leben unserer Betreuten zu ermöglichen“.

Über das äußerst komplexe Thema „Umsetzung des BTHG“ referierte anschließend Erich Höcherl rund eineinhalb Stunden lang. Höcherl ist der Leiter der Abteilung „strategische Behindertenhilfeentwicklung“ der Barmherzigen Brüder in Bayern.

Grundlage für das Bundesteilhabegesetz in seiner heutigen Ausprägung ist die

UN-Behindertenrechtskonvention aus dem Jahr 2009. Die zentrale Aussage beschäftigt sich mit dem großen Thema „Inklusion“. Es fände, so Höcherl, nun nicht mehr nur eine gewisse Änderung statt, es komme vielmehr zu einem Systemwechsel. Dem einzelnen Menschen mit Beeinträchtigung werde nach dem BTHG „viel mehr Verantwortung gegeben“.

Es werde also nicht mehr über ihn bestimmt. Wir müssten jetzt von einer möglichst großen Selbstbestimmung ausgehen.

Eine weitere Grundforderung ist die der „Personenzentrierung“. Das heißt nach den Worten des Referenten, dass keine Systeme mehr gefördert werden, sondern die Hilfe komme nun „direkt bei der Person an“.

Klar stellt sich dabei die Frage: Wie steht die Umwelt zu den betroffenen Menschen. „Ist sie einladend oder abgrenzend?“

Die Eingliederungshilfe wird aus der Sozialhilfe gelöst. Sie finanziert direkt die Teilhabe. Es müsse nun auch noch stärker unterschieden werden, für welche Assistenz eine Fach- beziehungsweise Hilfskraft benötigt werde, sagte Erich Höcherl.

Recht weit seien bereits die Behindertenwerkstätten, die schon eine rechtlich fixierte Mitwirkungsverordnung der Beschäftigten vorsehe.

Eine Zahl ließ die Eltern und Betreuer dann aufhören. Rund zehn Prozent der bisherigen Werkstattgänger könnten durchaus in den ersten Arbeitsmarkt eingegliedert werden. Dafür könnten die jeweiligen Betriebe dann sogar einen Lohnzuschuss bekommen. Die Menschen mit Beeinträchtigung haben auf jeden Fall einen Rechtsanspruch auf einen Arbeitsplatz.

Nach dem BTHG werden drei verschiedene Wohnformen unterschieden: gemeinschaftliches, betreutes und ambulant unterstütztes Wohnen. Höcherl sieht aber gerade bei den Klienten der Einrichtungen der Barmherzigen Brüder einen doch größeren Bedarf an Plätzen im gemeinschaftlichen Wohnbereich.

Die jeweilige Finanzierung unterscheide sich dabei zwischen existenzsichernde Leistungen, dazu zählen unter anderem Kosten der Unterkunft, des Essens und der Kleidung beziehungsweise Fach- und Assistenzleistungen für besondere Wünsche der Klienten.

Künftig werden die Einrichtungen der Barmherzige Brüder gemeinnützige Behindertenhilfe GmbH auch keine Vermögensverwaltung mehr vornehmen, nur noch Beträge bis zu 500 Euro werden von den Häusern verwaltet werden.

Die betroffenen Frauen und Männer müssten künftig ganz speziell danach gefragt werden, „was sie möchten“, brachte Erich Höcherl seinen Vortag noch einmal auf den Punkt. Das bedeute natürlich auch, vermehrt dahingehend zu assistieren, dass die Menschen mit Beeinträchtigung Perspektiven entwickeln könnten, mit dem Ziel einer umfassenden Selbstbestimmung orientiert am und im jeweiligen Sozialraum.

  

(Johannes Salomon)

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