Der Mensch als Mittelpunkt des Handelns

Mahnmal aus alten Bahngleisen

Wie oft geht man achtlos an ihm vorüber, lässt es links oder rechts liegen. Im Grunde ist es aber auch schon zum festen Bestandteil der Gesamteinrichtung geworden – es gehört einfach dazu: das Mahnmal für die in der Nazizeit ermordeten Heimbewohner.

Zumindest einmal im Jahr rückt es in den Fokus des Gesamtinteresses der Barmherzigen Brüder Gremsdorf - und zwar am 1. Juli.

An diesem Tag geht der Blick zurück. Vor 87 Jahren wurde ein Kapitel der über 120-jährigen Geschichte der Gremsdorfer Einrichtung für Menschen mit Behinderung aufgeschlagen, welches über ein Jahrzehnt furchtbarste Geschehnisse dokumentierte, welches offenlegte, wozu die Gattung Mensch in abscheulichster Art und Weise fähig ist.

Ein politisches wie gesellschaftliches System hatte bestimmt: Die Menschen, die in „Irrenanstalten“ wie in Gremsdorf leben, haben darauf kein Recht. Aufgrund ihrer Behinderung hätten sie ihr Lebensrecht verwirkt, so die Meinung der nationalsozialistischen Regierung – und ein nicht geringer Teil der Bevölkerung hat sich zumindest nicht dagegen gewehrt, ist dagegen nicht aufgestanden.

An vier Tagen im Jahr 1941, am 18. Februar, am 12., 20. und 30. Juni, wurde schließlich die „Pflegeanstalt“ in Gremsdorf – so wurde die Einrichtung damals genannt – vollkommen geräumt. Es wurden weit mehr als 200 Bewohner verschleppt, um viele von ihnen in Konzentrationslagern zu ermorden. Menschen mit Beeinträchtigungen kamen vor allem ins oberösterreichische Hartheim.

Dabei hat das politische Regime versucht, seine Handlungsweise zu legitimieren – und zwar durch die so genannte Aktion T4. Diese ging von einer Bürozentrale in der Tiergartenstraße Nr. 4 (T4) in Berlin aus. Aktion T4 sah die „systematische Vernichtung lebensunwerten Lebens“ vor.

Die Täter suchten nach Rechtfertigung ihrer Massenmorde und glaubten, sie in Begriffen wie „Gnadenakt“, „schöner Tod (Euthanasie)“ oder „Akt der Erlösung“ zu finden. Die Einsparung der Betreuungskosten von Behinderten wurde als wirtschaftlicher Grund vorgebracht. Schließlich beriefen sie sich auch noch auf die Evolutionstheorie als Argument für ihr unsägliches Tun. Das Ausleseprinzip stehe nun mal für die Durchsetzung der Stärksten.

Betroffen von dieser so genannten „Säuberungsaktion“ waren mehr als 70.000 Frauen, Männer und auch Kinder mit körperlichen, geistigen oder seelischen Beeinträchtigungen, vor allem in den Jahren 1940 und 1941.

Erst der massive Protest sowohl von Seiten der Angehörigen und mancher Heimleiter, aber auch der Kirche – besonders hervorzuheben sind hier die katholischen Bischöfe Clemens August Graf von Gahlen (Münster) oder Joannes Baptista Sproll (Rottenburg) sowie der evangelische Theologe Friedrich von Bodelschwingh aus Bielefeld – veranlasste die Politik, die zentrale „Euthanasie“ behinderter Erwachsener einzustellen, nicht dagegen die „Kinder-Euthanasie“. Systematisch ging dagegen die Tötung durch Nahrungsentzug oder auch entsprechende Medikamentenverabreichung (Luminal!) weiter.

Am 1. Juli 2020 sprach Seelsorger Peter Jankowetz in seinem „Segen am Abend“ von einem „Tag zum Nachdenken und Erinnern“. Die in der Gremsdorfer Einrichtung lebenden Menschen seien deshalb umgebracht worden, so Jankowetz, weil „sie nicht ins Bild gepasst“ hätten.

Nachdenklich stimmten dann auch seine weiteren Worte. Auch heute gebe es Menschen, die andere Menschen am liebsten nicht in ihrer Nähe haben möchten – und zwar „Menschen, die einfach nur anders sind, die eine andere Lebensweise haben“.

Und der Pastoralreferent der Barmherzigen Brüder Gremsdorf stellte die wohl entscheidende Frage: „Wer von uns begegnet Menschen, die anders leben als wir selbst, wirklich mit Achtung, Offenheit und Liebe?“

Es sei, so Peter Jankowetz, wichtig und bedeutsam, dass wir unseren Blick Richtung Denkmal werfen – und zwar als Ort der Erinnerung. Die gekreuzten Bahnschienen auf dem Betonsockel sollten uns aber auch als Mahnung dienen: niemals eine Idee, eine Ideologie in den Mittelpunkt unseres Handelns zu stellen. Dorthin gehöre der Mensch. Und diese grundsätzliche Forderung „geht uns alle an“.

Jankowetz hatte an jedem Kirchenstuhl einen stilisierten Kopf befestigt. Und seine stumme Frage lautete wohl. Symbolisiere ein solcher Kopf ein Opfer, einen Täter, einen schweigenden Mitwisser, wo sitze wohl ich, wo du?

  

(Johannes Salomon)

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